Menschen ohne Haut

    (Люди с содранной кожей)

    Als dieser Artikel vor fast einem Jahr entstand, regte sich nur im tiefsten Innern, dort, wo die Gedanken entstehen, die Frage: „Wer ist der nächste?" Welches Volk, welche Nation wird noch von den Gesetzen menschlicher Moral ausgeschlossen werden, von welcher großen oder kleinen Gruppe Ausgestoßener wird man als nächstes wieder sagen: „Im Prinzip darf man nicht töten, aber diese darf man töten“?

    Klingt diese Frage heute, während die Bomben der Verbündeten auf Irak fallen und gleichermaßen dem irakischen Aggressor wie dem friedlichen Opfer blinden Tod bringen, nicht zweideutig? (Und vielleicht trifft es das friedliche Opfer noch mehr, denn der Aggressor kann sich gut verstecken, kann sich mit Frauen und Kindern schützen…)

    Und hier kommen wir wieder zu jenem Dilemma, das in den Tagen der Tragödie von Baku vor dem Gewissen jedes einzelnen stand. Solange es Staaten und Heere gibt, solange der Krieg nach wie vor eine Realität des Bewußtseins und des Verhaltens ist, ist die moralische Wahl die Wahl zwischen der Gewalt gegen einen grausamen, bis an die Zähne bewaffneten Aggressor und der Gewalt gegen Menschen, die niemanden ermordet oder verletzt haben. Die Völker Kuweits und Israels haben keinem Iraker etwas zuleide getan, und die Kuweitis und Israelis nicht zu verteidigen heißt, der öffentlichen Hinrichtung unschuldiger, unbewaffneter Menschen zuzustimmen.

    Und das litauische Volk, das sein Parlament, seine Staatlichkeit, seine Unabhängigkeit, die ihm vor einem halben Jahrhundert geraubt wurden, verteidigen wollte, hat nicht geschossen und kein Feuer gelegt. Mögen seine Parolen tatsächlich irgendjemanden beleidigt haben, mögen die Gesetze seines Parlaments auch nicht immer vernünftig und gerecht gewesen sein, all das verblaßt vor der Tatsache des neu begangenen Unrechts: Soldaten der mächtigsten Armee der Welt, Soldaten einer Supermacht, schießen auf ein friedliches, unbewaffnetes und sehr deines Volk, das schon mehr als einmal verraten und zerschlagen wurde und verzweifelt seinen Weg in der Welt sucht.

    Die Menschenmassen, die fordern, daß Amerika den Persischen Golf verläßt — Amerika, nicht der Irak! —, wollen Frieden, aber sie vergessen, daß der Frieden, solange Aggressor und Opfer gleichgesetzt werden, nicht nur keine Realität werden, sondern daß sich nicht einmal eine psychologische Orientierung auf den Frieden herausbilden kann.

    Und diejenigen, die mit Recht vom Verbrechen der Sowjetarmee und der für die Durchführung verantwortlichen politischen Führung sprechen, nennen im gleichen Atemzug Tbilissi — wo rasende Horden in Militäruniform Mädchen und Frauen, die im Namen der Ihren oder Fremder hungerten, zu Tode prügelten — und Baku, wo die Armee Tausende von Kindern, Frauen, Greisen und Invaliden vor einem qualvollen Tod in Flammen oder unter dem Messer rettete, indem sie Barrikaden, Hafen und Flughafen im Sturm nahmen. Sie wurden beschossen und schössen auch selbst, und, wie heute in Bagdad, wußte die blinde Kugel nicht, wen sie traf. Zusammen mit anderen Mitgliedern der Helsinki-Gruppe habe ich Dutzende von Flüchtlingen befragt, darunter auch Aserbaidshaner, und alle bezeugten: Die Pogromhelden wüteten ungehindert, und als ihre Bestialität den Höhepunkt erreicht hatte — Tausende lagen gefesselt in benzinübergossenen Baracken —, begann der Angriff in dem etliche Soldaten und Offiziere umkamen. Flüchtlingskinder erzählten mir, wie Soldaten sie mit ihren Körpern deckten, während sie sie auf Schleppkähnen unter einem Kugelhagel nach Krasnowodsk übersetzten. Dieselben, die in Baku Gewalt verübt haben, singen heute Loblieder auf Saddam Hussein, ermutigt von einer öffentlichen Meinung, die keinen Unterschied macht zwischen blutrünstigen Irrsinnigen und denen, die ihr Leben opfern, um Nahestehende zu verteidigen.

    Boris Jelzin hat die Soldaten Rußlands aufgerufen, den Angehörigen anderer Nationen nichts anzutun. Doch dieser noble Aufruf wird nur zu verwirklichen sein, wenn Soldaten Soldaten und nicht Vergeltungskommandos sind, d. h., wenn sie Männer in Uniform sind, die das Opfer vor dem Aggressor schützen. Einige Monate nach den Ereignissen von Baku tobten in der usbekischen Stadt Andishan Banden wahnsinniger Jugendlicher, vollgepumpt mit Rauschgift, setzten armenische und jüdische Wohnviertel in Brand, vergewaltigten und erschlugen Menschen. Und der Kommandant der benachbarten Garnison sagte dazu: „Ich rühre keinen Finger. Das ist eure Sache. Dazu habe ich keinen Befehl.“

    Wir müssen uns darüber klar sein: Ein Offizier, der einen Befehl braucht, um ein Kind aus dem Feuer zu holen oder einer Gruppe von Sadisten eine Frau zu entreißen, der wird sich leichten Herzens dem Befehl fügen, in eine Menge Unbewaffneter zu schießen, wie es in Vilnius geschah. Das eine folgt aus dem anderen, und Saddam Husseins Banditen und die Piloten der Alliierten, die Armee in Tbilissi und Vilnius und die Armee in Baku in einem Atem zu nennen, heißt nichts anderes, als in der Welt die Situation eines permanenten Völkermords zu schaffen, die Schwächsten zu zertreten, Salz in die Wunden ihrer Kränkungen zu streuen.

    Wladimir Wyssozkij — so berichtet Marina Vlády — erlitt einen hysterischen Anfall, als er in der Bundesrepublik Deutschland zum ersten Mal einen Supermarkt erblickte. In einem krampfartigen Verzweiflungsausbruch wiederholte er ständig: „Wer hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen? Wer?“ Ein für seine häufigen und immer aus dem Rahmen fallenden Auftritte berühmter Volksdeputierter wiederholte Wyssoskijs Frage sinngemäß, als auf einer Sitzung des Obersten Sowjet der Hitler-Stalin-Pakt erörtert wurde. Der ärmlich gekleidete, erschöpft wirkende Mann fragte die eleganten, selbstsicheren baltischen Abgeordneten verwirrt: „Was bin ich denn für ein Okkupant, wenn ich schlechter lebe als Sie? So etwas gibt es doch gar nicht!“ Der Saal lachte. Ich aber hätte den Mann gern an die Hand genommen (nicht nur einer von dieser Art hat im Kampf gegen die Nazis seinen Kopf hingehalten) und hätte ihm gesagt: „Doch, das gibt es.“

    So sind wir, die „Okkupanten“. Genau das ist unser Wesen und unser Schicksal. Den Versuch, diesem Schicksal eine normale Richtung zu geben, haben wir mit dem Wort „Perestrojka“ benannt.

    Unsere Perestrojka färbt sich von Blut. Vom Blut der Mes'cheten, Armenier, Russen, Aserbaidshaner, Usbeken, Kirgisen. Ermutigt von der Straffreiheit der Pogromhelden des Südens schreien die Pamjat'-Anhänger, daß jüdisches Blut fließen werde, wenn nicht heute, dann morgen. Tausende zumeist gemischt russisch-jüdischer Familien verlassen das Land. Begabte, geschickte, energische Menschen wandern aus, überzeugt, daß sie in der harten Konkurrenz der kapitalistischen Welt überleben werden. Ein mir und meiner Familie nahestehender Junge sagte beim Abschied: „Vielleicht habe ich dort kein Glück. Aber es ist besser, an Hunger als durch die Kugel eines Pogromhelden zu sterben.“

    Die Kugel? Wenn es noch eine Kugel oder ein Granatsplitter wäre. Es ist ja noch schlimmer… Für den Lebenden ist der Tod in jeder Gestalt schrecklich. Wer aber unter langsamer, raffinierter Folter stirbt, dem erscheint der Tod als unerhörter Segen. „Sie schnitten ihn in Stücke“, erzählt mir eine Aserbaidshanerin von ihrem armenischen Mann. „Er schrie:,Tötet mich!' Ich war gefesselt und schrie auch:,Tötet ihn, schneller, erschlagt ihn!“ Sie bat darum, ihren Mann zu töten. Sie spricht mit einer Grimasse, von Weinen unterbrochen. Keiner der Moskauer Anhänger der „Revolution von Baku“, die beim Einmarsch der Truppen in Baku Photos von den unglücklichen Ermordeten verteilt hatten, brachte den Mut auf, dieser Frau in die Augen zu sehen. Keiner von ihnen besuchte die Krankenhäuser, wo alte Männer mit zerschlagenen Nieren starben und vergewaltigte Frauen an zerrissenen Eingeweiden. Dabei liegen die Krankenhäuser näher als Baku, wohin sie fuhren, als die Stadt sich nach den Greueln wieder beruhigt hatte, um sich dann auf Versammlungen lautstark als „Augenzeugen“ auszugeben.

    Wie ist es möglich, daß diese im gewöhnlichen Leben freundlichen und großzügigen Menschen heute eine undurchdringliche Rüstung der Grausamkeit gegenüber den Opfern angelegt haben? Wie ist es möglich, daß wir, die Sieger des größten Krieges der Menschheitsgeschichte, schlechter als alle anderen in der zivilisierten Welt leben?

    Vor zehn Jahren, während der schlimmsten Stagnation der Breschnew-Ära, war ich auf einer wissenschaftlichen Konferenz in einer südlichen Hauptstadt der UdSSR. Es gab noch keinen Kampf gegen den Alkohol, und die morgendlichen Vorträge wurden abends reichlich mit Wein begossen. Mein Tischnachbar war ein junger, schöner und sehr gebildeter Historiker aus Aserbaidshan. Zwischen uns entspann sich jene schnell aufflammende und ebenso schnell wieder verschwindende Freundschaft, wie sie bei wissenschaftlichen Diskussionen aller Art entsteht. Als die Trinksprüche auf die „Brudervölker“ begannen und die Reihe an Armenien kam, gedachte der Vorsitzende der Tischrunde — nach Beschwörung der obligatorischen Epitheta „sonnig“ und „leidgeprüft“ — auch eines historischen Faktums, das, wenn auch kaum jemandem in der UdSSR bekannt, in die Archive der Weltgeschichte eingegangen ist: des Völkermordes an Armeniern im Osmanischen Reich von 1915, der Ausrottung von eineinhalb Millionen friedlicher Bürger — von Säuglingen bis zu gelähmten Greisen.

    In diesem Augenblick hörte ich ein Keuchen und spürte gleichzeitig, daß mein Kleid feucht wurde. Mein Nachbar war aufgesprungen, hatte sein Weinglas umgestoßen und wiederholte hysterisch schreiend: „Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr! Lüge, Lüge!“ Wir gaben ihm Wasser, das half ein wenig, aber nicht lange. Ich wollte ihn an die Dokumente über den Völkermord erinnern, aber mir fiel ein, daß er ja Historiker war und das alles selbst wußte. Aber er würde dieses Wissen nie eingestehen, weil er in der absurden Überzeugung lebt, daß, obgleich das sowjetische Aserbaidshan — und das heißt: auch er persönlich — zu jenen Ereignissen im Osmanischen Reich keinerlei Beziehung hat, er doch an allen Sünden gegen das armenische Volk schuld sei, daß so die ganze Welt dächte und auch die Armenier selbst, die sich früher oder später rächen würden.

    Mir stockte das Herz bei dem Gedanken, was sein könnte, wenn das totalitäre System zusammenbräche und gleichzeitig auch die „neue historische Gemeinschaft“ in Stücke zerfiele und jedes „Stück“ anfinge, sich zu erinnern, was ihm ein halbes Jahrhundert lang sich zu erinnern verboten war. Dieser Gedanke verschwand gleich wieder. Wer hätte schließlich damals, Mitte der siebziger Jahre, gedacht, daß Orwells Prognose von 1984 als einem Grenzjahr in gewisser Weise stimmte?!

    Als Andrej Bitow, einer der intelligentesten russischen Schriftsteller, Anfang der siebziger Jahre nach Armenien reiste, erfuhr er mit Staunen, daß Hitlers Völkermord nicht der erste, sondern der zweite in der jüngsten Geschichte war, daß er im Jahre 1915 Generalprobe hatte. „Es erwies sich als ebenso schwierig, ein Buch über den armenischen Völkermord zu bekommen wie die Bibel“, schreibt Bitow. Schließlich fand er es in der Leninbibliothek, öffnete es an vier Stellen… und ich kann nicht mehr. Ich komme mir wie ein Mörder vor, wenn ich diese Worte nur abschreibe, und blicke mich gleichsam um, ob auch keiner es sieht. Hier sitzen hundert Leute. Und keiner weiß, was ich tue. Alle schreiben ruhig ihre Dissertationen… Wenn wir glauben, daß es etwas nicht gibt, daß etwas nicht sein kann, daß etwas unmöglich ist — dann gibt es gerade dieses.“

    Damals, im Jahre 1915, sagte der Organisator des Genozids, der Führer der Jungtürkischen Partei, Enver Pascha, zu dem Gesandten des humanistischen Europa, einem deutschen Pfarrer: „Herr Lepsius, wir werden eine Politik verfolgen, die unseren Interessen entspricht. Hindern kann uns nur eine Großmacht, die über allen Interessen sieht und in keinerlei Abscheulichkeiten verwickelt ist. Wenn Sie eine solche Großmacht im Diplomatenhandbuch finden, gestatte ich Ihnen, wieder bei mir im Ministerium zu erscheinen.“

    Dies ist der erste Schlüssel zu jenem Völkermord: „Wir sind schlecht, aber alle anderen sind es auch.“ Punktum. Aber erschauern denn viele unserer Zeitgenossen, wenn sie von Enver Pascha lesen? Kaum jemand weiß, daß die Partei der Jungtürken, die den Genozid 1915 verübte, nicht nur keine religiös-fanatische Partei war, sondern ganz im Gegenteil eine revolutionär-atheistische, die auch Repressalien gegen die wahre islamische Elite unternahm. Und diese Elite, die Blüte der moslemischen Geistlichkeit, bildete einen geheimen Widerstandsstab gegen den Völkermord, setzte sich mit christlichen Missionaren in Verbindung, organisierte Rettungsaktionen vor den Pogromen und die Evakuierung der Menschen nach Europa. Viele der heute in verschiedenen Ländern lebenden Armenier ahnen nicht, daß ihre Vorfahren dank islamischer Weiser, Dichter und Korangelehrter versteckt und aus den vom Gemetzel heimgesuchten Gebieten fortgeschafft wurden. Und diese Unkenntnis führte dazu, daß die heutigen Pogromhelden ungerechterweise „religiöse Fanatiker“ genannt werden. Die Kultur des Koran ist in der UdSSR verkommen, eine Meute erbitterter Menschen vertreibt in Gjandsha, Taschkent und Duschanbe mit Pfeifen und wüsten Flüchen ihre Muftis, hört aber gern ungebildeten Predigern zu, die so viel Beziehung zum Islam haben wie ein Irrer, der auf einem Blech trommelt, zur klassischen Musik.

    Der revolutionäre Atheismus der Jungtürken bezwang die Herzen der Führer des Proletariats. Romantik vermischte sich wie stets mit nüchterner geopolitischer Berechnung. Die Folge war, daß Territorialstücke „verschenkt“ wurden (so geschah es auch mit Nagornyj Karabach, wofür seine heutigen aserbaidshanischen Bewohner nichts können, und ihre Landverbundenheit ist verständlich: Schließlich ist niemand darauf erpicht, etwas zurückzugeben, was er aufgrund ungerechter Verträge erhalten hat). Das Schlimmste aber: Die Erwähnung der historischen Tatsache des Völkermordes an Armeniern wurde unter Verbot gestellt. Kein Denkmal für seine Opfer, keine Publikation darüber, keine Erinnerungen. Und wenn es Gedichte waren, so nur verschlüsselt.

    Um vieles schlimmer noch wirkte sich die Auslöschung des historischen Gedächtnisses für das aserbaidshanische Volk aus. Wie sollten die Menschen begreifen, daß in keinem einzigen Buch von dem berichtet wurde, was das Gedächtnis ihrer Väter und Mütter bewahrte! Sie verstanden es wie das Sprichwort: „Im Hause eines Erhängten spricht man nicht vom Strick.“ Das Schweigen ließ die Aserbaidshaner vermuten, daß ihre Vorfahren etwas verschuldet hätten, wovon man besser nicht spräche, weil es peinlich für die Nation sei.

    Der erste posttotalitäre Völkermord, der von Sumgait, war furchtbar. Doch das Schreckliche setzte sich fort. Im Rundfunk hieß es, daß es zu einem „Nationalitätenkonflikt“ gekommen sei, der jedoch dank weiser politischer Führung beigelegt wurde. Das Fernsehen zeigte eine prächtige armenisch-aserbaidshanische Hochzeit. Ehrliche, talentierte Reportagen von den Schauplätzen wurden der Zensur unterworfen. Videofilme durften nicht öffentlich gezeigt werden. Einzelne Krümchen der Wahrheit, die in der Sendung „Posizija“ anklangen, wurden als „Saat der Feindschaft“ bezeichnet. In dieser Sendung sagt ein russischer Soldat verwundert: „Aber sie wehrten sich nicht einmal und rächten sich auch nicht.“ In einem Videofilm sagt ein anderer russischer Soldat: „Die Armenier sind ein merkwürdiges Volk. Wenn man meinen Vater ermordete und meine Schwester vergewaltigte — ich weiß nicht, was ich täte!“

    Einige Monate später werden die Armenier antworten; sie werden Aserbaidshaner von der Arbeit und aus den Häusern verjagen und schließlich zu den Waffen greifen. Und dann wird in den Bergen Karabachs, im armenisch-aserbaidshanischen Grenzgebiet nicht ein Völkermord, sondern nun wirklich ein Nationalitätenkonflikt entstehen. Solche Nationalitätenkonflikte begleiten die ganze Menschheitsgeschichte. Zur Zeit sind sie akut im Baskenland, im Libanon, auf Zypern, im Kossovo und in Irland… Jeder ehrliche Gelehrte weiß: Der Grund für Nationalitätenkonflikte liegt im Mißverhältnis zwischen der Größe der ethnischen Gruppen, die Staatlichkeit beanspruchen, und dem Ausmaß geeigneten und gewünschten Territoriums. Solche Konflikte verlaufen ungleichmäßig, in Wellen: Mal ist es ruhig in der Welt, ein anderes Mal ereignen sich — wie auf Kommando — Kossovo, Zypern und Karabach gleichzeitig.

    Heute befindet sich die Welt in der ansteigenden Phase einer Ethnowelle; die Fachleute wissen das. Eine ihrer Erscheinungen sind Nationalitätenkonflikte. Sie kommen in allen Staaten außer in totalitären vor: Dort vollzieht der Staat selbst einen so umfassenden, totalen Völkermord, daß für Einzelversuche einfach kein Raum bleibt. Beim Übergang vom Totalitarismus zur Demokratie sind Nationalitätenkonflikte indes unvermeidbar.

    Aber Nationalitätenkonflikt und Völkermord sind zwei völlig verschiedene Dinge. Dem Völkermord kann man Einhalt gebieten. Freilich unter einer Bedingung: indem man ihn nicht mit einem Nationalitätenkonflikt verwechselt. Ihn als solchen zu bezeichnen ist ebenso verbrecherisch, wie ein Glas statt mit Wasser mit Salzsäure zu füllen und es jemandem zu trinken zu geben. Die alte Frau in Sumgait, die ihren Enkeln das Mittagessen kochte, als eine betrunkene Horde ins Zimmer stürmte, hatte ebensowenig Territorialansprüche an Aserbaidshan wie die betrunkenen Jugendlichen an Armenien oder an die Alte.

    Was an jenem Morgen geschah, sollte ein Nationalitätenkonflikt sein? Und die Gaskammern wären dann ein „deutsch-jüdischer Nationalitätenkonflikt“ gewesen?

    Nationalitätenkonflikte währen zuweilen Jahrhunderte. Die Menschheit besitzt noch kein Gegengift dafür. Beim Genozid ist die Sache klarer. Denn nach Auschwitz und nach der völligen Ausrottung eines Stammes in Afrika ist das Verbot des Völkermordes zur mächtigen internationalen Norm geworden. Ohne Wenn und Aber. Der Pogromheld handelt gesetzwidrig, das Opfer ist der Geschädigte und erhält Hilfe, egal, ob es sich gewehrt hat oder nicht.

    Warum — so wunderte sich der Soldat — haben die Armenier monatelang nicht Böses mit Bösem vergolten? Das ist das Verdienst der Kirche, der Intelligenzija und der demokratischen Bewegung von Karabach und Armenien. Gleich nach Sumgait wurde im Fernsehen und auf Versammlungen in Erewan gesagt: „Das Volk ist unschuldig. Den Aserbaidshanern darf kein Härchen gekrümmt werden. Wir fordern: Bestrafung der Schuldigen — der Pogromveranstalter, der Polizei, die sie unterstützt hat, und der betrügerischen Staatsanwälte. Und nur dieser. Vor allem muß klargestellt werden, daß zwischen unseren Völkern keinerlei Krieg, Zusammenstöße oder Zwistigkeiten bestehen. Es hat an einer Stelle einen Völkermord gegeben. Sprecht dieses Wort aus. Denn beide Völker erinnern sich des Jahres 1915 und 1918, das eine offen, das andere heimlich. Nennt die Dinge beim Namen und stillt die gefährliche Gier der Erinnerung.“

    Wir in Moskau — bei „Memorial“, in der „Moskauer Tribüne“, in der „Demoraktischen Perestrojka“ — schrieben Aufrufe, sammelten Unterschriften, appellierten an die Führung: Sagt, worum es geht! Aus Erewan kamen verzweifelte Telegramme: Noch haben wir die Situation unter Kontrolle, aber mit letzten Kräften. Augenzeugen berichteten, daß in einer Stadt eine ganze Versammlung vor dem Moskauer Vorgesetzten auf Knien um ein Wort flehte, als er auf den Balkon trat: Völ-ker-mord! Doch der Vorgesetzte hatte keine derartigen Anweisungen. Und was sollen ihnen denn diese zehn Buchstaben, dachte er. In ihr armes Bergland, wo die Kinder jahrelang keine Butter zu sehen bekommen, sind Waggons voller Delikatessen geschickt worden. Sie entladen sie nicht! Sie fordern Worte, ja, Worte!

    Was soll man machen? Sie sind in einer Kultur erzogen, in deren Kodex geschrieben steht: „Am Anfang war das Wort.“

    Früher oder später kommt alles heraus. Kürzlich wurde vor einer geschlossenen Sitzung zur Lage im Kaukasus ein Videofilm gezeigt — nicht von den Pogromen (die hatte man nicht einmal photographieren können). Gezeigt wurden Überlebende des Pogroms, die mit einer Fähre in Krasnowodsk angekommen waren. Dann traten Augenzeugen auf. Und das Märchen vom „Nationalitätenkonflikt“, das in der Komsomolzenhochzeit im Fernsehen gipfelte, zerplatzte. An enem Tag wurde der erste Schritt zur Befreiung zweier Völker von einem großen Übel getan.

    Befreiung vollzieht sich nicht schlagartig. Wie lang dauert es? Daran braucht man nicht herumzurätseln. Es ist erwiesen, daß die nationale Würde der Bundesrepublik Deutschend mit jedem Film, der über die Naziverbrechen gezeigt wurde, wuchs. Und gleichzeitig wuchs auch das Wohlwollen gegenüber anderen Völkern.

    Es gibt eine Formel, die sich in qualvollen Jahrhunderten der Menschheitsgeschichte herausgeschält hat: Das Abflauen von Wellen nationalen oder rassistischen Hasses ist direkt proportional zur vorhandenen Information über die schrecklichen Ergebnisse solchen Hasses.

    Ein Wort der Wahrheit über Völkermord ist für die, die erschlagen werden, und für die, die erschlagen, wie Wasser bei einer Feuersbrunst. Es kann nicht genug Wasser geben, nur zu wenig. Darum wurde im Amerika der sechziger Jahre immer wieder eine berühmte Geschichte aus einem Studentencafé der Südstaaten gezeigt, erfüllt und besungen: Der Kellner wollte einen Schwarzen nicht bedienen, der stand auf und ging auf die Straße; alle weißen Studenten folgten ihm; am nächsten Tag brachten sie ihre Freundinnen mit und die ihre Brüder, Schwestern und Bekannten. Später wurde das „personliche Politik“ genannt: Du gehst mit mir, ich gehe mit dir, wir haben keine Ideologie, wir gehen einfach. So wusch Amerika einen schwarzen Fleck von seiner Demokratie.

    Es kann nicht genug Wasser bei Feuersbrünsten geben. Darum wurde ein Serienfilm über den Holocaust, den ich schon bei einmaligem Ansehen kaum aushielt (er läuft viele Stunden), in der Bundesrepublik Deutschland mehrmals gezeigt. Man muß sein Land sehr lieben, um die von ihm begangenen Verbrechen so zu zeigen. Ihr Land lieben die Deputierten und Gelehrten Tadshikistans, die dem Präsidenten der Akademie der Wissenschaften Armeniens ein Telegramm mit einer Entschuldigung für die Gewalttätigkeiten in Duschanbe[1] schickten.

    Ihr Land lieben die Russen, die Nachforschungen über die Erschießung polnischer Offiziere in Katyn durchsetzten.

    Verschwommenes, unreflektiertes Schuldgefühl zersetzt die Seele eines Menschen und eines Volkes. Wahrheitshunger reinigt die Seele, verdrängt dumpfes Schuldgefühl und ersetzt es durch vernünftige Reue, die untrennbar ist vom Glauben an die eigenen Kräfte.

    Die Presse schwieg nicht auf eigenen Wunsch über den Genozid, es wurde ihr befohlen. Und befohlen wurde es nicht aus Grausamkeit oder Verachtung gegenüber dem einen oder anderen Volk, sondern aus der allgemeinen Überzeugung, daß es die Grippe nicht gibt, wenn man sie „schwere Atemwegserkrankung“ nennt. Das ist ein Vorurteil unserer Gesellschaft, das von den Machthabern geteilt wird, sind doch auch sie von unserer Art. Es ist schwer, das Vorurteil zu erkennen; leichter ist es, die Oberen geheimer Verbindungen zur Mafia, armenischer oder — umgekehrt — aserbaidshanischer Verwandtschaft zu beschuldigen und ihnen bewußte Pogromprovokation oder gar künstliche Erdbebenerzeugung zu unterstellen.

    Bevor ich mich daranmachte, diesen Artikel zu schreiben, habe ich mehrere Jahre lang vier Reihen von Daten zusammengestellt: Aussagen von Beteiligten und Augenzeugen in Armenien, Aussagen und Dokumente aus Aserbaidshan, offizielle Dokumente und die inoffizielle und ausländische Presse. Diese Daten überprüfte ich mit allen mir zugänglichen wissenschaftlichen Materialien über die Sozialpsychologie nationaler Gewalt und des Völkermordes. Ich hörte Flüchtlinge und ehemalige Mitglieder der aserbaidshanischen Volksfront, die Berichte der Führer von „Karabach“ und „Krunk“[2] und der Volksfront Aserbaidshans, Arkadij Wolskijs[3] Pressekonferenz und die Berichte der Ogonjok- und Iswestija-Korrespondenten, jene, die sie nicht hatten drucken können. Und ich sah, daß sich über die glimmende ethnische Lunte nicht nur der Kampf politischer, wirtschaftlicher und einzelner Gruppeninteressen gelegt hatte, sondern auch Vorurteile und Klischees und Angst. Angst, links oder rechts zu scheinen, Angst, als russischer Chauvinist und Mensch mit imperialem Bewußtsein zu gelten.

    Hätte man die Gewalt in Baku[4] verhindern können? Ja, aber nur auf eine einzige Weise: indem man alle, die Waffen gesammelt und Banden organisiert hatten, verhaftet hätte. Aber bei dem gegebenen totalen Mißtrauen gegenüber den Machthabern und der allgemeinen Berauschung an dem Begriff „Volksfront“ hätte es dazu verzweifelten Mutes bedurft. Und den gab es nicht. Weder bei den Machthabern zur Entscheidung noch bei der Öffentlichkeit zur Unterstützung. Uns allen fehlte es an Mut, um uns gegen die Überzeugten, Lauten, Fahnenschwenkenden auf die Seite einer Handvoll armer, schwacher Menschen zu stellen (die Reichen und Starken waren längst fort). Es fehlte uns an Mut, uns auf die Seite des Gesetzes zu stellen.

    Deswegen sage ich: Der Völkermord — das sind wir alle. Das Blut der Gequälten und die Tränen der Heimatlosen, die unter Spott und Hohn durchs ganze Land gejagt und nirgends aufgenommen werden, haften nicht nur an der Mafia und an den Terroristen. Sie haften auch an den Machthabern, die es nicht vermochten, die Dinge beim Namen zu nennen und sich offen auf die Seite von Recht und Menschlichkeit zu stellen. Sie haften auch an der demokratischen Bewegung, die sich verrannt hatte und sich verwirrt fragte, wie man denn zwischen dem Mädchen, das auf dem Platz in Tbilissi[5] leise betete, und dem Mann unterscheiden solle, der einem Kind Gewalt antat. Die arme demokratische Bewegung wollte ein für allemal eine eindeutige Antwort haben, ob man die Armee einsetzen dürfe oder nicht.

    In Solschenizyns Roman Der erste Kreis der Hölle unterhalten sich intelligente Häftlinge beim Hofgang: Da ist die Revolution um der Gerechtigkeit willen gemacht, die Gewalt in ihrem Namen begangen worden, und das Ende vom Lied sind nun die Lager. Sie diskutieren und streiten sich: Wer hat recht? Wer ist schuldig? Ein großer, knotiger Mann, der Hausmeister Spiridon, beteiligt sich nicht am Gespräch. Als höre er es nicht. Sie sehen in ihm die schweigende Masse. Und plötzlich fängt die schweigende Masse an zu reden: „Der Wolfshund hat recht. Der Menschenfresser nicht.“ Ich kenne keine bessere Formel.

    Wir gestehen leicht ein, daß ein Mensch in einen Schockzustand, in Trance oder Bewußtseinstrübung verfallen kann. Doch die Tatsache, daß das gleiche auch mit einer Menschenmenge geschehen kann, wollen wir nicht wahrhaben. Wir stellen uns eine absurde Aufgabe: ein Ereignis wahrheitsgemäß zu schildern, ohne dabei zu erwähnen, wo es stattfand und wer daran beteiligt war. Um die Nation nicht zu beleidigen! So entstehen die Lüge und ihre Folge — die Grausamkeit.

    Normale Russen beleidigt doch zum Beispiel auch die vernichtendste Kritik an der Gruppe „Pamjat'“ und deren ideologischem Arsenal nicht. Eine Kritik an Le Pens Ideologie kann einen gewöhnlichen Franzosen nicht beleidigen. Soviel scheint klar zu sein.

    Doch es muß Gründe geben, die viele Menschen und ganze Organisationen, die sonst für ihre demokratische Haltung bekannt sind, dazu veranlassen, sich bei einem Völkermord nicht auf die Seite des Soldaten zu stellen, der ein verbranntes Kind aus der benzinübergossenen Baracke trägt, sondern auf die Seite der Revolutionäre, die junge Kamikaze postieren, um den Soldaten eben daran zu hindern. Warum sprechen die Moskauer, die den Erdbebenopfern so reichlich Hilfe spendeten, von den Opfern des Genozids so oft mit Widerwillen und Gereiztheit? Warum werden die Busse mit unglücklichen Menschen, die sich zwei Monate lang nicht waschen konnten, keine Wäsche gewechselt und in keinem Bett geschlafen haben, wenn sie sich den Moskauer Auffanglagern nähern, von Versammlungen und Protestdemonstrationen so empfangen: „Zurück mit euch!“?

    An die Hartherzigkeit unseres Volkes glaube ich nicht; ich habe zu viele Beispiele von Mitleid gesehen. Es gibt bekanntlich die Meinung, daß unsere Gesellschaft zu aktivem Mitgefühl mit Leidenden unfähig ist, weil sie sich selbst insgesamt als leidend empfindet. Nicht nur, daß es einfach entsetzlich ist, wenn man die Vergangenheit betrachtet, auch die Zukunft sendet alarmierende Signale aus. Natürlich entschlüsseln die wenigsten diese Signale rational, aber die Menschen spüren unbewußt, daß sie plötzlich Geiseln im Kampf zwischen vergangener und zukünftiger Macht sein könnten. Ist es doch die Logik jedes Krieges, daß die einander rekämpfenden Seiten am wenigsten an den Menschen denken, der in solchen Fällen einfach „Einwohner“ heißt.

    Das Besorgniserregendste ist aber nicht die Gleichgültigkeit, sondern die praktizierte Aggressivität gegenüber Leidenden. Woher kommt sie? Das ist eine schreckliche Frage — tief philosophisch und absolut alltäglich. Wir schneiden in eine tiefe Wunde; das Skalpell darf sich hier nicht biegen.

    In amerikanischen soziologischen Untersuchungen habe ich mehrmals gelesen, daß zwischen diskriminierten Bevölkerungsgruppen, etwa Schwarzen und Puertoricanern, nicht nur keine Solidarität besteht, sondern sogar eine gewisse Abneigung und Spannung, eine geheime, falsch gerichtete Konkurrenz: „Nicht wir sind unbeliebt, ihr seid es! Wir natürlich auch, aber weniger und irrtümlich; vielleicht verwechselt man uns mit euch? Also, verwechselt uns nicht. Im übrigen will ich in diesem Bezirk nicht wohnen! Was habe ich davon, daß es hier still und sauber ist? Ich kann hier nicht leben. Wieso? Das weiß ich selbst nicht…“

    „Ich weiß nicht, warum, vielleicht bin ich ein schlechter Mensch“, sagte mir eine Zimmer-Genossin im Ostroumowskij-Krankenhaus, „aber seit ich weiß, daß es bei Lusja das ist“ (damals sprach man das Wort „Krebs“ noch nicht aus), „kann ich nicht mehr mit ihr befreundet sein.“ „Meinst du, es sei ansteckend?“ „Nein, nein, und wenn es so wäre, hätte ich es ja schon längst… Wir haben uns schon bei der Aufnahme angefreundet und sind seit einem Monat zusammen. Aber es kommt mir so vor, als ob sie wollte, daß es mir genauso ginge…“ „Aber sie weiß es doch gar nicht! Es wird ihr verheimlicht. Auch wir haben es nur zufällig erfahren.“ - „Egal. Ich kann's nicht. Ich fange bald an, sie zu hassen.“

    Das ist weder Rassenhaß noch Klassenhaß, noch Nationalitätenhaß. Es ist die Angst, sich am Leid anzustecken. Ein Aids-krankes Kind mußte im Ausland operiert werden, kein Chirurg im ganzen Land wagte es. Die Häuser infizierter Familien im kalmückischen Elista versuchte man anzuzünden. Den Desaktivatoren, die uns unter Aufbietung ihrer eigenen Gesundheit vor der völligen Verbreitung der radioaktiven Verseuchung von Tschernobyl bewahrten, wurde boshaft gesagt: „Wann verreckt ihr endlich?“ Und nicht nur aus Neid, daß sie bei der Wohnungsverteilung vorgezogen wurden. Auch aus Angst. Doch das ist physische Angst, die einen rationalen Grund hat: Aids ist wirklich ansteckend, und noch immer weiß man nicht genau, in welcher Weise.

    Die Angst, sich an fremdem Leid anzustecken, hat keinerlei Vernunftgründe und ist deswegen noch gefährlicher. Aus dieser Angst heraus entstand das geflügelte Wort: „Warum geht's denn immer gegen die Juden und die Armenier? Dann müssen die doch an irgendetwas schuld sein. Rauch ohne Feuer gibt es nicht.“

    Zuletzt hörte ich diese Worte von einem Moskauer Taxifahrer, einem sehr sympathischen Mann mittleren Alters. Ich erzählte ihm von der geographischen Lage des alten Judäa und vom Schicksal Armeniens. Von Gegenden, wo es weder Juden noch Armenier gibt und andere Völker deren Platz einnehmen. Davon, daß es in den zwanziger und dreißiger Jahren in der UdSSR praktisch keinen Antisemitismus gab, dafür aber Millionen anderer „Juden“: Kulaken, Popen, ehemalige Gutsbesitzer, Trotzkisten, Bucharinisten. Mehrmals unterbrach ich mich: „Für Sie ist Zeit doch Geld, und wir stehen schon vor meinem Haus.“ Doch der Taxifahrer wollte zuhören. Schließlich sagte er: „Eigentlich habe ich ja auch Freunde unter denen, die sind ganz normal. Aber die Leute reden so. Natürlich, wir wissen nichts. Warum erzählen Sie all das eigentlich nicht im Fernsehen?“

    Guter Mann, wer läßt mich denn mit so etwas auf den Bildschirm? Früher konnte man einzig über die „Völkerfreundschaft“ reden, heute nur über die „verrotteten Strukturen“.

    Man könnte natürlich mit Worten spielen und sagen, daß die „verrotteten Strukturen“ unser „altes Denken“ und unsere anachronistischen Begriffe sind. Aber ich glaube nicht an ein „neues Denken“, an einen „neuen Menschen“. Denken und Seele sind kein Kleid, man kann Altes nicht durch Neues ersetzen. Wir haben Zähne, Nieren, Bauch. Und den meisten von uns wird das Leben durch Schmerzen im einen oder anderen Teil erschwert. Hätten wir Bauch, Nieren und Zähne nicht, täte nichts weh, aber uns gäbe es dann nicht. Wir können uns von unseren Ängsten, Unruhen, Kränkungen, Verdächten, oder — wie man in der Wissenschaft sagt — von unseren Komplexen nicht befreien. Aber wir können um sie wissen und sie tagtäglich behandeln, ohne die absurde und schädliche Hoffnung auf endgültige Heilung.

    Es gibt auf Erden kein Land der Glücklichen, keinen Ort, wo nicht Tränenströme und Blut flössen. Doch in unserem Land flössen und fließen sie nicht in Strömen, sondern in Meeren. Alles, was wir tun können, ist, wie Menschen zu leben. Nicht aber, auf einem Sechstel der Erde das schaffen zu wollen, was auf fünf Sechsteln nicht möglich ist. Und beim Streben danach sollte man sich nicht nur auf das Vermächtnis des Altruismus stützen, sondern auch auf ganz normale egoistische Berechnung. Bevor man kühn fordert, daß alle Republiken morgen ihre staatliche Unabhängigkeit erklären, sollte man daran denken, daß aus ihren Häusern vertriebene Menschen ein natürlicher Nährboden für einen Rechtsruck sind. Mögen gewissenlose Menschen mich kolonialistischer Sympathien bezichtigen. Ich hege keine Sympathie für den Kolonialismus, weder für den überseeischen noch für den vaterländischen. Aber ich hege auch keine Sympathie für diejenigen, die schleunigst ihre „linke Haltung“ beweisen müssen, indem sie die Forderung nach sofortigem Truppenabzug unterschreiben, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken, wo und wie die Offiziersfamilien untergebracht und beschäftigt werden sollen. Das ist nicht unsere Sache. Wenn es aber so ist, dann ist auch der Truppenabzug nicht unsere Sache.

    Warum macht sich Václav Havel, der während der Prager Tragödie genug zu leiden hatte, das Herz schwer: Wohin mit den Familien der demobilisierten sowjetischen Offiziere, wenn im Lande schon Tausende vor dem Genozid auf der Flucht sind und obendrein noch Millionen „Tschernobyler“ aus Belorußland umgesiedelt werden müssen? Und Havel war bereit, ein Jahr zu warten, obwohl unsere Truppen in der Tschechoslowakei weder uns noch ihm nützlich sind. Er bot hunderttausend Fertighäuser für Offiziersfamilien an.

    Flüchtlinge sitzen wie auf einer politischen Waagschale. Die „Rechten“ schreien den „Linken“ zu: „Ihr seid schuld daran!“ — „Wer's glaubt, wird selig!“ antworten die „Linken“. „Ihr seid schuld!“

    Den Menschen auf der Waage aber tut alles weh. Es sind Menschen ohne Haut.

    Viktoria Tschalikowa
    (Aus dem Russischen von Eva Rönnau)

    Anmerkungen

    [1] Gemeint sind die Übergriffe gegen Armenier Anfang 1990 im tadshikischen Duschanbe.

    [2] Nationale armenische Bewegungen

    [3] 1989 Beauftragter Moskaus für das Krisengebiet Nagornyj Karabach

    [4] Im Januar 1990

    [5] Gemeint ist die gewalttätige Auflösung der friedlichen Demonstration in Georgien im April 1989 (im Gegensatz zu den antiarmenischen Pogromen in Aserbaidshan).

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